»Ich bin eine Waise – alle aus meiner Familie sind tot«, antwortete das Mädchen mit leiser Stimme. »Aber ich habe meine Jungs«, fuhr sie fröhli-cher fort, »und was brauche ich mehr?« Und bevor er Zeit hatte, sie zu fragen, wen sie mit den Jungs meinte, rief sie: »Oh, schauen Sie, die wundervollen Bee-ren da drüben! Wie gern ich sie pflücken würde!«
»Bestimmt können Sie das«, sagte der Fremde schnell und machte sogleich mit seiner freien Hand eine Bewegung, um ihr beim Aussteigen zu helfen, während er mit der anderen sein Pferd unter Kontrolle hielt; dann fragte er, die Augen gewinnend auf den Fahrer gerichtet: »Es ist möglich, oder etwa nicht, Señor?«
Seltsamerweise war diese anscheinend angemessene Nachfrage dafür verantwortlich, die ganze Situation kippen zu lassen. Denn obwohl sie ganz begierig war, ihm den Gefallen zu tun, war da etwas in den Augen des Fremden, nun da sie auf ihr ruhten, dass sie plötzlich sich schüchtern fühlte; eine Flut neuer Eindrücke stürmte auf sie ein: Sie wollte diesem Blick entgehen und ihn doch hegen; aber der erste Impuls war der stärkere und zum ersten Mal wurde ihr ein wachsendes Gefühl von Zurückhaltung bewusst. Tatsächlich sagte ihr eine innere Stimme, dass es für sie nicht richtig wäre, die Kutsche zu verlassen. Richtig, sie gehörte zum Lager am Cloudy Mountain, wo Konventionen unbe-kannt waren und wo eine raue, obschon nette Kameradschaft zwischen ihr und den Bergarbeitern existierte; nichtsdestotrotz fühlte sie, dass sie mit dieser neuen Bekanntschaft weit genug gegangen war; sein Tonfall sowie das Timbre seiner Stimme bewiesen, dass er zu einer anderen Gesellschaftsschicht gehörte als sie oder die Jungs. So schwer es war, seiner Bitte nicht zu entsprechen und dadurch die Monotonie ihrer Reise mit ein paar Minuten des Beerespflückens mit ihm in den Feldern zu unterbrechen – sie machte keine Anstalten, die Kutsche zu verlassen, sondern beantwortete den fragenden Blick des Fahrers mit einem abschlägigen. Daraufhin nahm letzterer, nachdem er dem jungen Kalifornier verkündet hatte, dass die Kutsche spät dran sei, was sie auch war, seine Pferde hart ran, um zu zeigen, wie sie nach ihrer langen Pause vorwärtskom-men konnten.
Das Gesicht des jungen Mannes verfinsterte sich vor Enttäuschung.
HANDLUNG
Ein abgelegenes Goldgräberlager in Kalifornien zur Zeit
des Goldrauschs. Die Goldgräber verbringen ihren Feier- 7
abend im Saloon »Polka« beim Zechen und Kartenspielen. Ein nostalgisches Lied des Wandersängers Jake Wallace stimmt alle wehmütig, besonders den unter Heimweh lei-denden Larkens. Die Männer sammeln Geld, um ihm die Heimreise zu ermöglichen. Der Wells-Fargo-Agent Ashby berichtet dem Sheriff Jack Rance, dass sich mexikanische Banditen samt ihrem berüchtigten Anführer Ramerrez in der Gegend aufhalten, dem er das Handwerk legen will. Dazwischen bricht immer wieder Streit aus: Sid wird beim Falschspielen erwischt; Sonora gerät mit dem Sheriff anein-ander, als dieser hinausposaunt, die von allen bewunderte Inhaberin der »Polka«, Minnie, die einzige Frau des Camps, heiraten zu wollen. Die Ankunft der resoluten Minnie been-det die Auseinandersetzung.
Minnie unterbricht das Besäufnis für einen Moment und erteilt den Männern eine Bibelstunde. Der Postillon trifft ein und überbringt Ashby die Nachricht, dass eine Prostituierte namens Nina Micheltorena über Ramerrez auspacken wolle. Mit Minnie allein zurückgeblieben, er-öffnet ihr Rance seine Heiratsabsichten. Minnie lehnt mit Verweis auf Rances in New Orleans lebende Ehefrau ab; außerdem warte sie auf die wahre Liebe, wie sie sie daheim bei ihren Eltern gesehen habe.
Der Kellner Nick vermeldet die Ankunft eines Fremden, der sich dem abweisenden Sheriff gegenüber als Johnson aus Sacramento vorstellt. Minnie und er erken-nen sich: Sie haben sich vor einiger Zeit auf dem Weg nach
Ashby hat den draußen herumlungernden Banditen José Castro aufgegriffen und nimmt ihn mit Rance ins Verhör. Castro gibt an, Ramerrez’ Aufenthaltsort zu kennen, und will die Männer dort hinführen. In einem unbeob-achteten Moment flüstert Castro Johnson zu, dass alles für
Minnie bleibt allein mit Johnson und zeigt ihm das hart erarbeitete Gold der Männer, das sie hütet. Johnson ist von ihrer Unerschrockenheit beeindruckt. Er verspricht, sie später am Abend in ihrer Hütte am Berg zu besuchen. Minnie bleibt tief bewegt zurück.
Hektisch trifft Minnie in ihrer Hütte Vorbereitungen für Johnsons Besuch. Schließlich erscheint er und lauscht angetan den Schilderungen ihres einfachen Lebens auf dem Berg und im Camp. Nachdem Minnie ihre Dienerin Wowkle fortgeschickt hat, liegen sie und Johnson sich schnell lei-denschaftlich in den Armen. Schüsse aus der Ferne schre-cken Johnson auf, doch angesichts eines Schneesturms, der den Abstieg unmöglich macht, überredet ihn Minnie, die Nacht bei ihr zu verbringen.
Rance, Ashby, Nick und Sonora kommen, was Johnson zwingt, sich zu verstecken. Sie warnen Minnie, denn Nina Micheltorena hat Johnsons wahre Identität verraten: Er ist Ramerrez. Minnie überzeugt die Männer, dass sie auf sich selbst aufpassen könne. Nachdem sie gegangen sind, versucht sich Johnson dadurch zu rechtfertigen, dass er die Leitung der Räuberbande nur widerwillig von
seinem Vater übernehmen musste. Minnie macht ihm ihre Verachtung klar und wirft ihn hinaus. Es fällt ein Schuss; Johnson bricht verwundet vor der Tür zusammen. Minnie versteckt ihn auf dem Dachboden. Rance kehrt zurück und durchsucht rasend vor Eifersucht die Hütte nach Johnson. Ein Blutstropfen, der von der Decke tropft, verrät ihm die Anwesenheit des Banditen. Um ihn zu retten, schlägt Min-
nie eine Runde Poker mit sich selbst und Johnson als Einsatz 9
vor. Der leidenschaftliche Spieler Rance willigt ein. Als sie zu verlieren droht, rettet sie sich durch Falschspiel. Rance akzeptiert das Spielergebnis, Johnson gehört nun ihr.
Ein paar Tage später liegen Ashby und die Goldgräber auf der Pirsch, um Johnson in dem Moment zu stellen, wenn er zu fliehen versucht. Rance hat sich an seine Abmachung gehalten und nichts verraten. Er und Nick sinnieren darü-ber, was Minnie wohl an Johnson findet. Ferne Rufe kündet davon, dass Johnson entdeckt worden ist. Eine wilde Hetzjagd entbrennt. Schließlich bringen die Männer Johnson herbei. Ashby überlässt ihn dem Sheriff zur Bestrafung. Die Goldgräber wollen ihn hängen sehen, woraufhin Nick auf-bricht, um Minnie zu holen. Währenddessen bittet Johnson einzig darum, ihr niemals das wahre Schicksal seines Todes zu verraten.
Im letzten Moment verhindert Minnie die Hinrichtung. Sie appelliert an das Mitgefühl der Männer und erinnert daran, was sie für jeden einzelnen von ihnen getan habe. Nach und nach zieht sie alle Goldgräber auf ihre Seite, bis sie Johnson freigeben. Minnie und Johnson verlassen Kalifornien, die Goldgräber bleiben gebrochen zurück.
man sich für relativ europäisch geprägt hält, habe 11
aber auch einige Zeit in Montgomery, Alabama, verbracht, wo gesellschaftlich andere Regeln gelten. Es gibt dort keine Vereine oder Clubs, wo Menschen zusammenkommen, die Kirche ist der einzige Ort gesellschaftlichen Miteinanders. Viele Menschen sind abgesehen von ihren familiären Bindungen sehr isoliert. Ich als weiße Frau bin in dieser Gesellschaft gut klargekommen und habe mir immer gedacht, wie höflich und nett die Leute sind und dass sie stets »God bless you« sagen. Aber die Leute können kaum über den Tellerrand schauen. Als jemand mit anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung als die Mehrheit wäre es mir dort nicht so gut ergangen.
Das amerikanische Streben nach individueller Freiheit hat dazu geführt, dass ohne einen Gesell-schaftsvertrag das Gemeinwesen kaum zusam-menhält. Das begünstigt, dass einige Menschen heutzutage den Staat und die Justiz nicht mehr anerkennen und in ihrem Misstrauen eigene Wert-maßstäbe höherhängen. Und das führt letztendlich zu Gewalt, wenn Leute ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen in dem Glauben, dass alle anderen im Unrecht sind. Das bezieht sich nicht nur auf die bekannte heutige Situation in den USA; erst vor wenigen Tagen hat sich das Massaker von Tulsa, Oklahoma, zum 100. Mal gejährt, wo es nach einer
terfly« und »Turandot« inszeniert, aber ich muss sagen, dass »La fanciulla« szenisch tatsächlich noch mehr Aktionen in kurzer Zeit vorgibt. Die Oper bietet, rein von der Aktionsdichte her betrachtet, nur wenig Raum für eigene Interpretationen, um sie aus einer heutigen Sicht zu befragen.
Dann auf der ästhetischen Ebene: David Zinn und ich wollten keine historische Rekonstruktion des Wilden Westens auf die Bühne bringen, sondern vielmehr einen Traum davon. Ein Traumbild, das sich in einer langen Rezeptionsgeschichte gebildet hat. Hierzulande hat Karl May, im Übrigen nur kurz vor Puccini, ein idealisiertes, romantisier-tes Bild vom Wilden Westen entworfen; in den USA prägt das Genre des Westerns die kollektive Vorstellung. Die Goldgräber der Oper hängen genauso einem Traumbild nach: Sie haben auf der Suche nach ein bisschen Glück und Reichtum ihre Heimat verlassen und sind aus allen möglichen Ländern nach Kalifornien gekommen, wo allerdings ihre Träume an der Realität zerbrechen. Genau dasselbe passiert auch mit Davids Büh-nenbild.
Sie ist ganz naiv auf der Suche nach der großen 15
Liebe, hat gegenüber dem bewunderten Johnson zunächst fast eine Art Minderwertigkeitskomplex. Trotzdem lebt sie selbstbestimmt und bewacht furchtlos die Ersparnisse der Goldgräber. Sie fungiert als deren große Schwester. Sie hat keine große Bildung, spricht aber in der Pokerszene mit Rance im Finale des zweiten Aktes die treffendste Beschreibung der Gemeinschaft aus: »Sprechen wir beide Klartext … und bringen es zu Ende! Wer seid Ihr, Jack Rance? Ein Spielsüchtiger. Und Johnson? Ein Bandit. Ich? Wirtin einer Spelunke und Spielhölle, lebe von Whiskey und vom Gold. Wir sind alle gleich! Wir sind alle Banditen und Betrüger!«
Sie bringt es damit auf den Punkt: Wenn alle ihre moralischen Fehler haben, dann gibt es keine nur guten oder bösen Charaktere in diesem Stück. Auch nicht Sheriff Rance, erst recht nicht in der vielschichtigen Darstellung von Michael Volle. Alle drei Protagonisten sind komplexe Charaktere, wie ich sie in dieser Kombination aus keiner anderen Oper kenne. Ich bin froh, dass wir mit Anja Kampe, Marcelo Álvarez und Michael Volle drei Sängerdarsteller haben, die neben ihren musikalisch unglaublich anspruchsvollen Partien diese Komplexität und Zerrissenheit der Figuren durch ihre enttäuschten Wünsche und Begierden her-vorragend umsetzen.
KLISCHEES UND
ERWARTUNGEN
VOM 19
WILDEN WESTEN
»Sich erneuern oder sterben? … Ich habe mir geschworen, wenn ich den richtigen Stoff finde, es immer noch besser zu machen auf dem Weg, den ich eingeschlagen habe, und sicher nicht zurückzubleiben.«
Angesichts der ungeheuren Popularität der Trias aus »La Bohème«, »Tosca« und – wenn auch nach anfänglichen Schwierigkeiten – »Madama Butterfly« oder der späten
»Turandot« mag es überraschen, dass andere Opern aus Puccinis Reifezeit diesbezüglich nicht mithalten können:
»Il trittico« aus drei heterogenen Kurzopern, »La rondine«, Puccinis Ausflug auf das Gebiet der Operette, sowie seine Wildwest-Oper »La fanciulla del West«. Letztere hielt Puccini im Vorfeld der Uraufführung für die beste Oper, die er bis dato geschrieben hatte, und prognostizierte ihr einen
ähnlichen Erfolg wie »La Bohème«. Warum sollte er sich derart getäuscht haben?
Die Uraufführung von »La fanciulla del West« war Pucci-
»Königskinder«. In beiden Repertoirefeldern reüssierten Toscanini und Gatti-Casazza.
Genauso ein Erfolg war auch die Uraufführung von »La fanciulla«, der von riesigem Presserummel – Puccini wurde bereits bei seiner Ankunft am New Yorker Hafen von Journalisten belagert – begleitete musikalische Höhepunkt dieses Jahres. Erheblichen Anteil am Glanz der Aufführung
hatte sicherlich die Top-Besetzung mit Emmy Destinn als Minnie, Enrico Caruso als Johnson und Pasquale Amato als Rance – nicht zu vergessen die etlichen Pferde, die die finale Banditenjagd auf der Bühne auch zum optischen Spektakel geraten ließen.
Dennoch reagierte die kurzfristig sicherlich geblendete Kritik auf längere Sicht eher gespalten auf die Novität. So schrieb etwa der Puccini prinzipiell wohlgesinnte 21
Kritiker der »New York Times«: »Es gelang Mr. Puccini, in
›Madama Butterfly‹ etwas hineinzubekommen, was sich zumindest dem westlichen Zuhörer als japanisches Lokalkolorit einprägt und was er durch Gebrauch von japanischen Melodien und japanischen Instrumenten nicht nur gekonnt, sondern auch kunstvoll tat. Es mag stimmen, wie uns berichtet wurde, dass das Japan der ›Madama Butterfly‹ ein komplett imaginäres Land ist, aber die Musik hinterlässt wenigstens Eindruck und umhüllt die Bühne mit Atmosphäre. Solch Eindruck und Atmosphäre fehlen in ›La fanciulla del West‹.«
Dass die Amerikanismen des Stücks zur Schilderung des Wildwest-Ambientes Puccini nicht überzeugend gelungen seien, ist ein merkwürdiger Befund angesichts der Tatsache, dass die Oper auf dem populären Schauspiel »The Girl of the Golden West« des Amerikaners David Belasco basiert, der bei der »Fanciulla«-Produktion auch die Inszenierung ver-antwortete (und im Übrigen auch die Vorlage für »Madama Butterfly« geliefert hatte). 1905 war das Schauspiel zum ersten Mal an Belascos eigenen Theatern in Pittsburgh und New York mit Blanche Bates in der Titelrolle gespielt worden und hatte sich als Kassenschlager entpuppt. Dafür sorgte neben der realistischen Milieustudie in der Sprache des Stücks vor allem Belascos Detailversessenheit, die all
Zumindest was den Stoff anging, hatte Puccini also auf einen Autor gesetzt, der Authentizität nicht nur als
Die Debatte um »La fanciulla«, an der man nicht zuletzt das Aufeinanderprallen von amerikanischem Setting und italienischem Gesang monierte, war von Nationa-lismen nicht frei. Wurde Puccini, der sich den Tendenzen des heraufziehenden Faschismus in seinem Heimatland Italien verweigerte, dort im Verlauf seiner Karriere immer mehr der Vorwurf gemacht, ein Internationalist mit quasi kosmopolitisch verwässerter Musik zu sein, war hier das Gegenteil der Fall: nämlich musikalisch nicht amerikanisch genug zu sein. Denn worauf der »New York Times«-Re-zensent richtig hinweist: Anders als »Madama Butterfly« wurde »La fanciulla« in dem Land uraufgeführt, in dem das Stück angesiedelt ist – wenn auch an der East Coast, wo man 60 Jahre nach Ausbruch des Goldrauschs am anderen Ende des Kontinents die Geschichte wahrscheinlich ähnlich romantisch verklärten konnte wie ein Komponist aus
dem fernen Europa. Nicht zuletzt geriet Puccini in eine seit Dvořáks Amerika-Aufenthalt schwelende Auseinandersetzung um die Eigenständigkeit der amerikanischen Künste. Der impliziten Erwartungshaltung, eine italienische und gleichzeitig amerikanische Nationaloper zu schreiben, konnte er einfach nicht gerecht werden.
Vor allem vermisste man aber in dem Stück das, wofür Puccini eigentlich bekannt war: herzzerreißende Arien mit schönen Melodien. Doch bis auf Dick Johnsons fast wie eine Erinnerung an ferne (Opern-)Zeiten wirkendes »Ch’ella mi creda« gibt es in »La fanciulla« keine Arien, es herrscht ein Deklamationsstil mit nur kurzen lyrischen Episoden vor. Zudem ist die Oper vor allem harmonisch merklich an pro-gressiven Partituren wie Debussys »Pelléas et Mélisande« und Strauss’ »Salome« geschult. Das in musikalischen Din-gen eher konservative New Yorker Publikum bot denkbar schlechte Voraussetzungen, Puccinis Wunsch zu goutieren, den Stil seiner Erfolgstrias weiter in Richtung einer gemä-ßigten Modernität zu entwickeln.
Puccini hatte Belascos Schauspiel selbst gesehen, als er im Januar und Februar 1907 in New York weilte, um Ein-studierungen seiner »Manon Lescaut« und »Madama Butter-fly« zu überwachen. Nach Fertigstellung von »Madama But-terfly« 1904 befand er sich ungewöhnlich lange auf der Suche nach einem neuen Stoff. Verschiedenes zog er in Betracht, teils sogar über längere Zeit (eine Oper über Marie Antoinette oder nach Pierre Louÿs’ Roman »La Femme et le Pan-tin«, später als »Conchita« von Riccardo Zandonai vertont). Zu Puccinis Unentschlossenheit trug bei, dass sein favo-risiertes Librettistengespann, das angesichts der ständigen Verbesserungsvorschläge des Komponisten sämtliche Ner-
Puccini und seine Librettisten übernahmen die ersten zwei Akte des Belasco-Stücks ohne größere Änderun-gen (einzig die an späterer Stelle vorkommende Schulszene/ Bibelstunde wurde in den ersten Akt vorverlegt). Dagegen missfielen Puccini die letzten zwei Akte: Johnsons Verhaf-tung und Begnadigung, die bei Belasco wiederum im Polka-Saloon spielt, sowie der kurze Schlussakt, der Minnie und Johnson in der Prärie auf der Reise in einen Neuanfang zeigt. Stattdessen wünschte er sich ein spektakuläreres Setting für den Schlussakt; die Idee von der Hetzjagd auf Johnson in der Wildnis geht auf ihn selbst zurück.
So spielt die in den Regieanweisungen überall präsente Natur (selbst aus den Innenräumen soll sie immer durch die Fenster sichtbar sein) beinahe die Hauptrolle im Stück – die prächtige Sierra Nevada, schon damals durch Nationalparks geschützt und im kollektiven Gedächtnis der US-Amerikaner verankert. Doch steht sie hier nicht für ein reines Idyll, sondern für die Diskrepanz zur dort lebenden Gesellschaft, die Goldgier, Gewalt, Kriminalität und Lynchjustiz beherrscht. Zwar handelt es sich bei »La fanciulla« um
die einzige Puccini-Oper (bis auf »La rondine«), die ohne Tote auskommt, aber als Happy End kann man den Schluss der Oper trotzdem nur schwerlich bezeichnen. Denn durch ihren Fortgang aus Kalifornien teilen Minnie und Johnson, die beide dort geboren sind, im Endeffekt das Schicksal der übrigen Goldgräber, die aus allen Teilen des Landes und der Welt stammen: das Gefühl des Entwurzeltseins, das Leben in
einer unwirtlichen Fremde fern der Heimat unter miserablen 25
Bedingungen, die getäuschten Erwartungen von Reichtum und einem besseren Leben. Nicht umsonst schlägt das Ende auch musikalisch einen Bogen zum Anfang der Oper: Sie schließt mit dem Thema von Jake Wallaces Lied, das zu Beginn Wehmut und Heimweh der Bergarbeiter in Töne fasst. Gleichzeitig durchkreuzt eine derartige Exposition der Goldgräber in ihrer Neigung zu hemmungsloser Sentimenta-lität alle Wildwest-Klischees von harten Kerlen – ungeachtet dessen sind sie wenige Augenblicke später sofort bereit, einen Kumpan wegen Falschspiels zu hängen. In diesen Menschen stecken zwei Seiten, das macht diese Partitur deutlich.
Am deutlichsten verkörpert dies Johnson/Ramerrez, der schon allein durch seinen Deck- und seinen realen Namen schizophren hin- und hergerissen ist zwischen einem Dasein als Gentleman und Bandit, zwischen Kultur/Bildung und Gewalt, zwischen Wasser und Whiskey, zwischen der Zuge-hörigkeit zu den Amerikanern (durch seine Mutter) und zu den spanisch-mexikanischen Californios (durch seinen Vater). Vor allem seine familiäre Vorgeschichte, die Belasco 1911 in einer Romanfassung seines Schauspiels ausführlicher (und nachvollziehbarer) ausbreitet, kommt in der Oper etwas kurz: Nämlich dass er erst am Sterbebett des Vaters von der Existenz der Räuberbande erfuhr und deren Leitung wider Wil-
Ähnlich widersprüchlich verhält sich Minnie, die, obwohl »fanciulla« oder »girl«, zusammen mit Tosca und Turandot zu Puccinis dramatischsten Sopranpartien gehört. Sie changiert zwischen schüchterner Jungfrau, resoluter und
Mehr als noch in der Dramaturgie des Handlungsaufbaus oder der alles in allem doch eher konventionellen Dreier-konstellation der Hauptfiguren entwickelte Puccini – dem anfangs wiedergegebenen Zitat entsprechend – seinen Stil vor allem in musikalischer Hinsicht weiter. »La fanciulla« nimmt in harmonischer Hinsicht die Schärfen der späteren
»Turandot« voraus. Über längere Strecken lösen sich eindeu-tige tonale Beziehungen ganz auf wie etwa in den Folgen der massiven Ganztonakkorde zu Beginn der Oper oder in Min-
nies Thema mit seinen unaufgelösten Non- und Septvorhalten. Dazu kommen raffinierte Klangfarbenmischungen, Kopp-lungen einzelner Holzbläser mit solistischen Streichern und
»Sonderinstrumenten« wie der Celesta, begünstigt durch die größte Orchesterbesetzung bei Puccini überhaupt. Vor allem agiert das Orchester weitgehend losgelöst von den Gesangs-stimmen, viel eigenständiger als in seinen vorherigen Opern;
ihm sind im Wesentlichen die Melodien vorbehalten und die 27
bemerkenswerten, klangfarbenreichen Naturschilderungen.
Doch trotz all dieser Errungenschaften konnte »La fanciulla del West« auch nach den anschließenden Erstauffüh-rungen in Europa nicht dauerhaft an Puccinis frühere Erfolge anschließen. Zustimmung erfuhr das Stück jedoch auch von unerwarteter Seite. Anton Webern, sonst nicht gerade als Liebhaber italienischer Oper im Allgemeinen und Puccinis im Speziellen bekannt, schrieb 1918 nach dem Besuch einer »Fan-ciulla«-Vorstellung in Wien an Arnold Schönberg: »Eine Partitur von durchaus ganz originellem Klang. Prachtvoll. Jeder Takt überraschend. Ganz besondere Klänge. Keine Spur von Kitsch! Und ich habe den Eindruck aus erster Hand. Ich muss sagen, dass es mir sehr gefallen hat. Wie ist es nun? Irre ich mich so ganz und gar? Ich würde so gerne diese Partitur mit Dir zusammen ansehen. Ganz verhext hat mich diese Oper?«
Die Szenerie vor ihnen war von erhabener Größe. Der Tag wich der Nacht, Herbst dem Winter, und doch hielten zu dieser Stunde alle Winde inne. In der Entfernung schimmerte die schneebedeckte Sierra, Ge-birgszug um Zug, soweit das Auge Richtung Nordwest reichte; in der ent-gegengesetzten Richtung zeichnete sich gegen den stahlblauen Himmel eine Folge bewaldeter Gipfel ab, die immer höher wurden, ehe sie in den fernen weißen Bergen des Südens ihren Höhepunkt fanden; und nach unten schauten sie auf eine Klamm, die grünbräunlich war, bis die Strahlen der untergehenden Sonne die Blätter mit matten Tönungen berührten.
Jetzt schleuderte die schnell sinkende Sonne ihr Banner aus prächtigen Farben über den Westhimmel. Sofort spielte ein wundervolles Licht auf den flauschigen Cumuluswolken, die im Osten aufzogen, und verwandelte sie von perlgrau in leuchtendes Scharlachrot. Für einen Moment wurden auch die violetten Hügel wundervolle Haufen aus mattem Gold und Kupfer; ein Moment später und die Pracht war vorbei.
Vor ihnen erhob sich nun dunkel, düster und bedrohlich der Cloudy Mountain, von dem das Bergarbeiterlager seinen Namen bekom-men hatte; und auf einem Plateau in der Nähe des Fußes des Bergs konnte man das Lager klar ausmachen. Es bestand aus einer Gruppe von Hütten der Bergleute zwischen Kiefern, Tannen und Manzanita-Sträuchern mit zwei größeren Gebäuden aus Kiefernplatten und an verschiedenen Stellen herum lagen Schächte verstreut, deren grobe Hebezüge aus Holz bloß wie vage Umrisse im schnell verblassenden Licht erschienen. Die Entfernung zum Lager von dem Punkt, an dem sie standen, war nicht größer als drei Meilen Luftlinie, aber es schienen viel weniger in der dünnen Luft.
Als die zwei Banditen am Rand des Abgrunds standen und über die dazwischenliegende Schlucht oder Klamm sahen, blinkte hier und da ein Licht von den Hütten auf und sogleich schoss von einem der größeren und protzigeren Gebäude eine viel stärkeres Licht hervor. Castro beeilte sich, die Aufmerksamkeit seines Anführers darauf zu lenken.
»Da – das Gebäude mit dem Licht ist das Hotel Palmetto!«, rief er aus. »Und dort drüben – das da mit dem größeren Licht ist der Polka-Sa-loon!«
DIE ENTDECKUNG ELDORADOS
1834. Ein Amerikadampfer steuert von Le Hâvre nach Neuyork. Mitten unter den Desperados, einer unter Hunderten, Johann August Suter [Anm.: amtlicher Name, er selbst verwendete die Namensform Sutter], heimisch zu Rynenberg bei Basel, 31 Jahre alt und höchst eilig, das Weltmeer zwischen sich und den europäischen Gerichten zu haben, Bankerotteur, Dieb, Wechselfälscher, hat er seine Frau und drei Kinder einfach im Stich gelassen, in Paris sich mit einem betrügerischen Ausweis etwas Geld verschafft und ist nun auf der Suche nach neuer Existenz. Am 7. Juli landet er in Neuyork und treibt dort zwei Jahre lang alle möglichen und unmöglichen Geschäfte, wird Packer, Drogist, Zahnarzt, Arzneiverkäufer, Tavernenhälter. Schließlich, einigermaßen gesettlet, siedelt er sich in einem Wirtshaus an, verkauft es wieder und zieht, dem magischen Zug der Zeit folgend, nach Missouri. Dort wird er Landmann, schafft sich in kurzer Zeit ein kleines Eigentum und könnte ruhig leben. Aber immer hasten Menschen an seinem Hause vorbei, Pelzhändler, Jäger, Abenteurer und Soldaten, sie kommen vom Westen, sie ziehen nach Westen, und dieses Wort Westen bekommt allmählich einen magischen Klang. Zuerst, so weiß man, sind Steppen, Steppen mit ungeheuren Büffelherden, tageweit, wochenweit menschenleer, nur durchjagt von den Rothäuten, dann kommen Gebirge, hoch, unerstiegen, dann endlich jenes andere Land, von dem niemand Genaues weiß und dessen sagenhafter Reichtum gerühmt wird, Kalifornien,
Aber Johann August Suter hat Abenteurerblut, ihn lockt es nicht, stillzusitzen und seinen guten Grund zu bebauen. Eines Tages, im Jahre 1837, verkauft er sein Hab und Gut, rüstet eine Expedition mit Wagen und Pferden
1838. Zwei Offiziere, fünf Missionare, drei Frauen ziehen aus in Büffelwagen ins unendliche Leere. Durch Steppen und Steppen, schließlich über die Berge, dem Pazifischen Ozean entgegen. Drei Monate lang reisen sie, um Ende Oktober in Fort Van Couver anzukommen. Die beiden Offiziere haben Suter schon vorher verlassen, die Missionare gehen nicht weiter, die drei Frauen sind unterwegs an den Entbehrungen gestorben.
Suter ist allein, vergebens sucht man ihn zurück-zuhalten in Van Couver, bietet ihm eine Stellung an – er lehnt alles ab, die Lockung des magischen Namens sitzt ihm im Blut. Mit einem erbärmlichen Segler durchkreuzt er den Pazifik zuerst zu den Sandwichinseln und landet, nach unendlichen Schwierigkeiten an den Küsten von Alaska vorbei, an einem verlassenen Platz, namens San Franzisko. San Franzisko – nicht die Stadt von heute, nach dem Erdbeben mit verdoppeltem Wachstum zu Millionenzahlen emporge-schossen – nein, nur ein elendes Fischerdorf, so nach der Mission der Franziskaner genannt, nicht einmal Hauptstadt jener unbekannten mexikanischen Provinz Kalifornien, die verwahrlost, ohne Zucht und Blüte, in der üppigsten Zone des neuen Kontinents brachliegt.
Spanische Unordnung, gesteigert durch Abwesen-heit jeder Autorität, Revolten, Mangel an Arbeitstieren und Menschen, Mangel an zupackender Energie. Suter mietet ein Pferd, treibt es hinab in das fruchtbare Tal des Sakramento: ein Tag genügt, um ihm zu zeigen, daß hier nicht nur Platz ist für eine Farm, für ein großes Gut, sondern Raum für ein Königreich. Am nächsten Tag reitet er nach Monte Rey, in die
klägliche Hauptstadt, stellt sich dem Gouverneur Alverado 31
vor, erklärt ihm seine Absicht, das Land urbar zu machen. Er hat Kanaken mitgebracht von den Inseln, will regelmäßig diese fleißigen und arbeitsamen Farbigen von dort sich nach-kommen lassen und macht sich anheischig, Ansiedlungen zu bauen und ein kleines Reich, eine Kolonie, Neu-Helvetien, zu gründen. »Warum Neu-Helvetien?« fragt der Gouverneur.
»Ich bin Schweizer und Republikaner«, antwortet Suter.
»Gut, tun Sie, was Sie wollen, ich gebe Ihnen eine Konzession auf zehn Jahre.«
Man sieht: Geschäfte werden dort rasch abgeschlos-sen. Tausend Meilen von jeder Zivilisation hat Energie eines einzelnen Menschen einen anderen Preis als zu Hause.
1839. Eine Karawane karrt langsam längs der Ufer des Sakra-mento hinauf. Voran Suter zu Pferd, das Gewehr umgeschnallt, hinter ihm zwei, drei Europäer, dann hundertfünfzig Kanaken in kurzem Hemd, dann dreißig Büffelwagen mit Lebensmit-teln, Samen und Munition, fünfzig Pferde, fünfundsiebzig Maulesel, Kühe und Schafe, dann eine kurze Nachhut – das ist die ganze Armee, die sich Neu-Helvetien erobern will.
Vor ihnen rollt eine gigantische Feuerwoge. Sie zünden die Wälder an, bequemere Methode, als sie auszuroden. Und kaum, daß die riesige Lohe über das Land gerannt ist, noch auf den rauchenden Baumstrünken, beginnen sie ihre
Der Erfolg ist gigantisch. Die Saaten tragen sofort fünfhundert Prozent. Die Scheuern bersten, bald zählen die Herden nach Tausenden, und ungeachtet der fortwährenden
1848, im Januar. Plötzlich kommt James W. Marshall, sein Schreiner, aufgeregt zu Johann August Suter ins Haus gestürzt, er müsse ihn unbedingt sprechen. Suter ist erstaunt, hat er doch noch gestern Marshall hinauf geschickt in seine Farm nach Coloma, dort ein neues Sägewerk anzulegen. Und nun ist der Mann ohne Erlaubnis zurückgekehrt, steht zitternd vor Aufregung vor ihm, drängt ihn in sein Zimmer, schließt die Tür ab und zieht aus der Tasche eine Handvoll Sand mit ein paar gelben Körnern darin. Gestern beim Graben sei ihm dieses sonderbare Metall aufgefallen, er glaube, es sei Gold, aber die anderen hätten ihn ausgelacht. Suter wird ernst,
nimmt die Körner, macht die Scheideprobe: es ist Gold. Er entschließt sich, sofort am nächsten Tage mit Marshall zur Farm hinaufzureiten, aber der Zimmermeister ist als erster von dem furchtbaren Fieber ergriffen, das bald die Welt durchschütteln wird: noch in der Nacht, mitten im Sturm reitet er zurück, ungeduldig nach Gewißheit.
Am nächsten Morgen ist Colonel Suter in Coloma,
sie dämmen den Kanal ab und untersuchen den Sand. Man 33
braucht nur ein Sieb zu nehmen, ein wenig hin und her zu schütteln, und die Goldkörner bleiben blank auf dem schwarzen Geflecht. Suter versammelt die paar weißen Leute um sich, nimmt ihnen das Ehrenwort ab, zu schweigen, bis das Sägewerk vollendet sei, dann reitet er ernst und entschlossen wieder zu seiner Farm zurück. Ungeheure Gedanken bewegen ihn: soweit man sich entsinnen kann, hat niemals das Gold so leicht faßbar, so offen in der Erde gelegen, und diese Erde ist sein, ist Suters Eigentum. Ein Jahrzehnt scheint übersprungen in einer Nacht: Er ist der reichste Mann der Welt.
Der reichste Mann? Nein – der ärmste, der jämmerlichste, der enttäuschteste Bettler dieser Erde. Nach acht Tagen ist das Geheimnis verraten, eine Frau – immer eine Frau! – hat es irgendeinem Vorübergehenden erzählt und ihm ein paar Goldkörner gegeben. Und was nun geschieht, ist ohne Beispiel. Sofort lassen alle Männer Suters ihre Arbeit, die Schlosser laufen von der Schmiede, die Schäfer von den Herden, die Weinbauern von den Reben, die Soldaten lassen ihre Gewehre, alles ist wie besessen und rennt mit rasch geholten Sieben und Kasserollen hin zum Sägewerk, Gold aus dem Sand zu schütteln. Über Nacht ist das ganze Land verlassen, die Milchkühe, die niemand melkt, brüllen und verrecken, die Büffelherden zerreißen ihre Hürden, stampfen hinein in die Felder, wo die
Und immer gewaltiger wird dieser beispiellose Sturm nach Gold; die Nachricht ist in die Welt gedrungen, von Neuyork allein gehen hundert Schiffe ab, aus Deutschland, aus England, aus Frankreich, aus Spanien kommen 1848, 1849, 1850, 1851 ungeheure Abenteurerhorden herübergezogen. Quer über den Kontinent ziehen riesige Karawanen, Menschen aller Rassen und Sprachen, und alle wühlen sie in Johann August Suters Eigentum wie auf eigenem Grunde. Auf der Erde von San Franzisko, die ihm durch besiegelten Akt der Regierung zugehört, wächst in traumhafter Geschwindigkeit eine Stadt, fremde Menschen verkaufen sich gegenseitig seinen Grund und Boden, und der Name Neu-Helvetien, sein Reich, verschwindet hinter dem magischen Wort: Eldorado, Kalifornien.
Johann August Suter, noch einmal bankerott, starrt wie gelähmt auf diese gigantische Drachensaat. Zuerst versucht er mitzugraben und selbst mit seinen Dienern und Gefährten den Reichtum auszunützen, aber alle verlassen ihn. So zieht er sich ganz aus dem Golddistrikt zurück, in
eine abgesonderte Farm, nahe dem Gebirge, weg von dem verfluchten Fluß und dem unheiligen Sand, in seine Farm Eremitage. Dort erreicht ihn endlich seine Frau mit den drei herangewachsenen Kindern, aber kaum angelangt, stirbt sie infolge der Erschöpfung der Reise. Doch drei Söhne sind jetzt da, acht Arme, und mit ihnen beginnt Johann August Suter die Landwirtschaft; noch einmal, nun mit seinen drei Söhnen,
arbeitet er sich empor, still, zäh, und nützt die phantastische 35
Fruchtbarkeit dieser Erde. Noch einmal birgt und verbirgt er einen großen Plan.
1850. Kalifornien ist in die Union der Vereinigten Staaten aufgenommen worden. Unter ihrer strengen Zucht kommt nach dem Reichtum endlich Ordnung in das goldbesessene Land. Die Anarchie ist gebändigt, das Gesetz gewinnt wieder sein Recht.
Und nun tritt Johann August Suter plötzlich vor mit seinen Ansprüchen. Der ganze Boden, so heischt er, auf dem die Stadt San Franzisko gebaut ist, gehört ihm nach Fug und Recht. Der Staat ist verpflichtet, den Schaden, den er durch Diebstahl seines Eigentums erlitten, gutzumachen, an allem aus seiner Erde geförderten Gold beansprucht er sein Teil. Ein Prozeß beginnt, in Dimensionen, wie sie die Menschheit vor ihm nie gekannt. Vier Jahre lang treibt er ihn durch alle Instanzen.
Am 15. März 1855 wird endlich das Urteil gefällt. Der unbestechliche Richter Thompson, der höchste Beamte Kaliforniens, erkennt die Rechte Johann August Suters auf den Boden als vollkommen berechtigt und unantastbar an.
An diesem Tage ist Johann August Suter am Ziel.
Er ist der reichste Mann der Welt.
Der reichste Mann der Welt? Nein, abermals nein, der ärmste Bettler, der unglücklichste, geschlagenste Mann. Wieder führt
das Schicksal wider ihn einen jener mörderischen Streiche, nun aber einen, der ihn für immer zu Boden streckt. Auf die Nachricht von dem Urteil bricht ein Sturm in San Franzisko
Fünfundzwanzig Jahre irrt dann noch ein alter, geistesschwacher, schlechtgekleideter Mann in Washington um den Justizpalast. Er will nur sein Recht und verficht es mit der querulantischen Erbitterung des Monomanen. Er reklamiert beim Senat, er reklamiert beim Kongreß. Das geht zwanzig Jahre lang, von 1860 bis 1880, zwanzig erbärmliche Bettlerjahre. Tag um Tag umlungert er den Kongreßpalast. Und dort, auf der Treppe des Kongreßpalastes, trifft ihn endlich am 17. Juli 1880 am Nachmittag der erlösende Herzschlag
– man trägt einen toten Bettler weg. Einen toten Bettler, aber einen mit einer Streitschrift in der Tasche, die ihm und seinen Erben nach allen irdischen Rechten den Anspruch auf das größte Vermögen der Weltgeschichte sichert.
Vor der Ankunft der Europäer siedeln auf dem Gebiet des heutigen Kaliforniens über
70 indigene Stämme.
Nachdem Entdecker
wie Francis Drake immer nur kurzzeitig an der Pazifikküste Kaliforniens gelandet sind und das Land halbherzig für
die europäischen Kolonialmächte
beansprucht haben,
beginnen nun die Spanier mit der dauerhaften Kolonialisierung von »Alta California« und gründen erste Missionsstationen.
Mexiko erreicht die Unabhängigkeit von Spanien und die Ab-schaffung des Vize-
königreichs Neuspanien.
Kalifornien wird so mexikanische Provinz, bleibt aber äußerst dünn besiedelt.
Der New Yorker Journalist John O’Sullivan prägt in seinen Artikeln den
Begriff des »Manifest 37
Destiny«, demzufolge es den USA bestimmt sei, ihr Territorium über den gesamten Kontinent auszudehnen.
Der Mexikanisch-Ameri-kanische Krieg bricht aus. Nachdem die Amerikaner temporär Mexiko-Stadt
besetzt haben, sieht der Friedensvertrag zwei Jahre später vor, dass Mexiko den USA das riesige Gebiet der
heutigen Bundesstaaten Texas, Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah, Colorado, New Mexico und Wyoming abtritt.
Am 24. Januar entdeckt ein Arbeiter bei Sutter’s Mill in der Nähe des heutigen Sacramento ein Goldnugget. Erst Mitte des Jahres berichten
Jahres bestätigt Präsident James Polk den Fund.
Es entwickelt sich (erst im Folgejahr) der
kalifornische Goldrausch, dessen Teilnehmer aus allen Teilen der Welt kommen – aus Europa,
aber auch aus China und Südamerika – und die als
»Forty-Niners« bezeichnet werden. Schätzungsweise treffen bis 1855 über
300.000 Menschen in Kalifornien ein.
Kalifornien wird als
31. Bundesstaat in die USA aufgenommen.
In San Francisco, das in diesen Jahren in kürzester Zeit von einem Dorf zu einer mittleren Stadt
anwächst, wird David Belasco geboren.
Die Hochphase des kalifornischen
Goldrauschs findet ein Ende, als man Gold kaum noch offen in Flüssen
finden kann, sondern nur noch in privaten Minen. Der Ruf des Goldes versiegt trotzdem nicht: Es setzen weitere Goldräusche in Colorado, Montana, South Dakota und Alaska ein.
Giacomo Puccini wird im toskanischen Lucca
geboren. Sein Vater ist Leiter der Stadtkapelle und Organist am dortigen Dom.
Mit der Strecke von Omaha, Nebraska, nach Sacramento wird die erste transkontinentale
Eisenbahnlinie Amerikas in Betrieb genommen.
Nach ersten Theater-erfahrungen in
San Francisco geht Belasco nach Virginia City, Nevada, wo er am Piper’s Opera House in
verschiedenen Rollen auf und hinter der Bühne tätig ist. Die harschen
Bedingungen in der rauen Bergarbeiterstadt
beeindrucken ihn nachhaltig.
Puccini nimmt am Mailänder Konser-vatorium ein Kompo-sitionsstudium bei Amilcare Ponchielli auf. In New York wird die Metropolitan Opera gegründet.
Belasco verlässt die Westküste und geht nach New York, wo er beginnt, eigene Stücke zu
schreiben und zu inszenieren.
Puccinis erste Oper »Le Villi« erringt in Mailand großen, aber nicht nachhaltigen Erfolg.
Mit dem Sieg über den 39
Apachenhäuptling Geronimo in Arizona beseitigen US-Truppen den letzten Widerstand der indigenen Bevölkerung Amerikas.
Puccinis zweite Oper
»Edgar« fällt an am Mailänder Teatro alla Scala durch.
Mit »Manon Lescaut« macht Puccini erstmals auch international auf sich aufmerksam.
Die Uraufführung von
»La Bohème« unter Arturo Toscanini in
Turin bedeutet Puccinis endgültigen Durchbruch. Das Libretto verfassen –wie für die nächsten
beiden Erfolgsopern –Giuseppe Giacosa und Luigi Illica.
Am 14. Januar geht
»Tosca« in Rom zum
Theatre in New York erlebt Belascos Schauspiel
»Madame Butterfly« seine Uraufführung.
Mit Edwin S. Porters
»The Great Train Robbery« erscheint der erste Westernfilm.
Puccinis »Madama Butterfly« wird an der Scala zum Fiasko, kann sich aber in überarbeiteter Form wenig später in
Brescia doch durchsetzen.
Am Belasco Theatre in Pittsburgh wird »The Girl of the Golden West«
mit Blanche Bates in der Titelrolle uraufgeführt, wo es über 200 Vorstellun-
gen erlebt. Wenig später wird es auch in New York gezeigt.
Giuseppe Giacosa stirbt. Puccini zerstreitet sich mit Luigi Illica und muss sich daher nach neuen Librettisten umsehen.
An der Berliner Hofoper findet die deutsche
Erstaufführung von
»Madama Butterfly« statt. An der Metropolitan Opera werden erstmals
»Manon Lescaut« sowie
»Madama Butterfly« gegeben. Puccini reist dazu selbst nach New York. Während seines zweimonatigen Aufenthalts sieht er
mehrere Belasco-Stücke, darunter auch »The Girl of the Golden West«. Bald fällt die Wahl auf dieses Stück als Stoff für eine neue Oper für die Met.
Das Libretto verfasst Carlo Zangarini, später
wird noch Guelfo Civinini hinzugezogen.
Da Puccini immer wieder etwas an der Arbeit seiner Librettisten auszusetzen hat, verzögert sich die
Fertigstellung des
»Fanciulla«-Librettos bis in den Herbst, ehe er mit der Komposition beginnt.
Die Arbeiten an »La fanciulla del West« werden von einem dramatischen Fall überschattet: Puccinis stets – und häufig auch zu Recht – eifersüchtige Frau Elvira bezichtigt ihr Dienstmädchen Doria Manfredi öffentlich, eine Affäre mit ihrem Mann
zu haben. Daraufhin vergiftet sich Doria und stirbt. Puccini nimmt das sowie der folgende
Prozess gegen Elvira sehr mit, schließlich versöhnt er sich wieder mit seiner Frau.
Am 6. August schließt Puccini die Partitur von
»La fanciulla del West« ab. Am 16. November trifft
Puccini per Schiff in New York ein, um die Einstudierung seiner neuen Oper zu überwachen.
Am 10. Dezember erlebt die Oper an der
Metropolitan Opera 41
ihre Uraufführung. Es dirigiert Arturo
Toscanini, Emmy Destinn (bis 1908 Primadonna
der Berliner Hofoper) singt Minnie, Enrico Caruso den Banditen Johnson. Belasco führt selbst Regie.
Der Erfolg der Oper veranlasst Belasco,
»The Girl of the Golden West« zu einem Roman erweitert herauszu-
bringen. Es folgen bis in die 30er Jahre außerdem noch
vier Verfilmungen der Geschichte.
Die europäische
Erstaufführung von
»La fanciulla del West« findet am 29. Mai am Londoner Opernhaus Covent Garden statt.
Am 28. März erfährt
»La fanciulla del West« ihre deutsche Erst-
aufführung am Deutschen Opernhaus im damals noch eigenständigen Charlottenburg. Die Kritik zeigt sich wie bei Puccinis letzten Opern wenig begeistert.
Am 24. Oktober hat
die Oper mit Maria Jeritza in der Titelpartie an der Wiener Hofoper mehr Erfolg.
In Monte-Carlo gelangt
»La rondine«, Puccinis Ausflug auf das Gebiet der Operette, zur Uraufführung.
An der Metropolitan Opera kommt Puccinis
»Il trittico«, bestehend aus den Einaktern
»Il tabarro«, »Suor Angelica« und
»Gianni Schicchi«, zur Uraufführung.
Am 29. November stirbt Giacomo Puccini nach einer Operation in einer Brüsseler Klinik.
Puccinis letzte und unvollendete Oper
»Turandot« erlebt am Teatro alla Scala ihre
posthume Uraufführung.
Am 14. Mai stirbt David Belasco in Manhattan.
Nachdem alle übrigen seiner reifen Opern längst und oft hier gespielt worden sind, erklingt »La fanciulla del West« am
13. Juni zum ersten Mal Unter den Linden.
Mit jedem Wort, das das Mädchen sprach, drang das Eisen tie-fer in Johnsons Seele ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er versucht, seine Tätigkeit unter dem Blickwinkel zu betrachten, den er von seinem Vater geerbt hatte – wenn er sie überhaupt betrachtete. Es war nicht, auf Ehre und Gewissen, was er erwählt hätte; es war etwas, was er hin und wieder bedauerte; aber er hatte die Bergarbeiter beraubt mit nur wenigen Gewis-sensbissen. Aber nun begann er, die Dinge anders zu sehen. In kurzer Zeit hatte eine Frau ihn gezwungen, seine Handlungen im rechten Licht zu sehen; neue Begierden und Sehnsüchte erwachten und er senkte den Blick, als ob es unmöglich wäre, in ihr ehrliches Auge zu schauen.
»Und das ist, was einen schmerzt«, sagte das Mädchen nun. »Da gibt’s keinen von den Männern, der nur für sich arbeitet – der Herr gab es niemals einem Männerherz ein, aus sich ein Lasttier oder einen Packesel zu machen, es sei denn für eine Frau oder ein Kind.« Wieder wartete sie, als ob sie erwarten würde, dass er ihre Worte bestätigte; aber er blieb selt-sam still. Als er einen Augenblick später seinen beunruhigten Blick hob, sah er, dass ihre Augen trocken waren und funkelten. »Die Jungs nutzen mich als eine Art – eine Art weibliche Bank«, sagte sie daraufhin; und dann fügte sie mit einem jähen Umschwung des Ausdrucks und mit einer Stimme, die große Entschlossenheit zeigte, an: »Sie können Gift darauf nehmen, dass ich erst tot umfallen muss, bis irgendwer einen ihrer Dollars aus der Polka herausbekommt!«
DAS GESETZ DES STARKEREN
Über alle historischen und kulturellen Grenzen hinweg findet sich ein auffällig gleichförmiger Legitimationsdiskurs, der
»popular justice« als kollektive Selbstverteidigung rechtfertigt, wenn der Staat und die offizielle Strafjustiz entweder nicht fähig oder nicht willens sind, die Bevölkerung vor der Kriminalität zu schützen und Kriminelle ihrer »gerechten Strafe« zuzuführen. Diese Feststellung gilt für den »Wilden Westen« und den amerikanischen Süden ebenso wie für das russische Dorf und das ländliche Preußen im 19. Jahrhundert, wo die Landbevölkerung wenig Vertrauen in Polizei und Gerichte hatte und bisweilen angebliche Diebe und Räuber kurzerhand totschlug. Sie gilt für das heutige Bolivien, das eine der höchs-ten Lynchraten weltweit aufweist und wo vielerorts Puppen an Laternenpfählen hängen, um Diebe abzuschrecken.
Über die Ursprünge des Wortes »lynchen« existieren zahlreiche Vermutungen. Eine davon führt seinen Gebrauch ins späte 15. Jahrhundert zurück, als ein Bürgermeister des irischen Ortes Galway namens James Lynch Fitz-Stephens angeblich seinen eigenen Sohn hinrichten ließ, weil dieser in rasender Eifersucht einen Nebenbuhler erschlagen hatte. Die meisten Historiker jedoch sehen in Colonel Charles Lynch aus Bedford County in Virginia den Namenspatron der Praxis gemeinschaftlicher Bestrafung ohne gesetzliche Grundlage und ordentliches Gerichtsverfahren. Während der Amerikanischen Revolution hielten Charles Lynch und seine Milizionäre eigenmächtig »Volksgerichte« gegen angebliche Gesetzesbrecher und Anhänger der britischen Krone ab. Der
Besonders wurden Vigilantentum und Lynchjustiz zum Bestandteil des Lebens an der sich immer weiter west-wärts schiebenden Frontier. Wer den Bereich des geregelten staatlichen Lebens verließ, erklärte damit stillschweigend sein Einverständnis, sich den Gesetzen der Frontier zu unterwerfen, zu denen auch das Lynchen zählte. Das Prinzip der schnellen und harten Bestrafung von Gesetzesbrechern genoss unter den Männern des Westens breite Unterstützung. Ohne ein funktionierendes staatliches System der Strafverfolgung hatten alle Bürger die Pflicht, sich an Vigilantenverbänden zu betei-ligen, die Kriminelle verfolgten, ihnen den Prozess machten und die Strafe vollstreckten. In den Augen der Beteiligten nahmen sie damit lediglich ihr Recht auf lokale Selbstregie-rung wahr. Tatsächlich erschien vielen Bürgern das Volks-gericht sogar als die höhere Instanz der Gerechtigkeit, denn sie hatten nicht viel Vertrauen in die ordentliche Strafjustiz, die nach ihrer Auffassung zu oft nicht den wahren Willen des Volkes exekutierte. Doch so sehr die Vigilanten sich auch den Anschein geben mochten, die Grundregeln eines fairen Prozesses einzuhalten, so wenig lässt es sich leugnen, dass in ihren Tribunalen Ankläger, Richter und Henker meist identisch waren. Der Schuldspruch stand oft von vornherein fest und die Hinrichtung folgte auf dem Fuße. Die oft kolpor-tierte Geschichte von dem Mann, der wegen des angeblichen Diebstahls eines Pferdes gehängt wurde, das man später dort fand, wo sein betrunkener Besitzer es vergessen hatte, war
vermutlich schwarzer Humor, dürfte aber nicht selten der Realität nahegekommen sein.
Es war kein Zufall, dass die Selbstjustiz der Vigilanten bald allgemein »California Law« genannt wurde. Die frühere mexikanische Provinz, die die USA nach dem Krieg gegen Mexiko 1848 annektierten, war ein geradezu idealer Nährboden für Frontiergewalt und Lynchjustiz. Zwar stand
Kalifornien bis 1848 formal unter mexikanischer Oberhoheit, 47
aber die Zentralregierung war weit weg. Die Annexion durch die USA schuf ein Machtvakuum, das vermutlich auch dann zu Problemen geführt hätte, wenn nicht fast zeitgleich Gold in der Sierra Nevada gefunden worden wäre. Die allermeisten Neuankömmlinge waren Männer, die auf den großen Glücks-fund hofften, um dann sofort wieder fortzugehen. Unter diesen Umständen konnte kaum ein geordnetes soziales Leben entste-hen. Vor allem in der Sierra Nevada herrschte das Faustrecht. In den Goldgräberlagern Kaliforniens entwickelte sich daher eine eigene informelle Gerichtsbarkeit mit spontanen Geschworenen-gerichten, die angebliche Verbrecher rasch aburteilten. Da es dort keine Gefängnisse gab, lautete die Strafe im Falle eines Schuldspruchs entweder Auspeitschen oder AuRängen. Kaum jemand bezweifelte die Notwendigkeit der Lynchjustiz, schien es doch, als werde der Staat vom kriminellen »Abschaum der Menschheit« überschwemmt.
In Wirklichkeit war die Lynchjustiz auch Teil der anschwellenden Gewalt gegen Mexikaner und andere Latein-amerikaner, die oft einfach für Mexikaner gehalten wurden. Zwar hatte der Friedensvertrag ihnen gleiche Rechte versprochen, doch viele der euro-amerikanischen Neuankömmlinge fühlten sich als Eroberer. In den Jahren nach dem Krieg verloren viele mexikanische Landbesitzer durch neue diskriminierende Gesetze oder durch die Androhung von Gewalt ihr Eigentum; 1851 verabschiedete das von Angloamerikanern dominierte kalifornische Parlament ein Gesetz, das »ausländischen Berg-leuten« eine hohe Sondersteuer auferlegte. In der Praxis traf die
Abgesehen davon, dass es Kriminalität offen rassistisch definierte, reagierte das Landstreicher-Gesetz darauf, dass sich die Mexikaner wehrten. In den Augen der »Ang-los« stellten mexikanische »Banditen« die größte Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar, der durch rasches und hartes Durchgreifen begegnet werden musste. In den Augen der Mexikaner waren diese »Banditen« Helden, die Rache für die Schandtaten der »Gringos« nahmen und in unzähligen Lie-dern und Legenden gefeiert wurden. Der berühmteste bzw., je nach Standpunkt, der berüchtigtste dieser mexikanischen Gesetzlosen war ein Mann namens Joaquín Murrieta, der in den Jahren des Goldrauschs Kalifornien unsicher machte. Murrieta hatte angeblich mit ansehen müssen, wie ein Anglo-Mob seinen Bruder gelyncht und seine Frau vergewaltigt hatte. Danach habe er gemeinsam mit seiner Bande einen Rachefeldzug begonnen, alle an der Tat Beteiligten aufgespürt und von Pferden zu Tode schleifen lassen. Schließlich tötete ihn 1853 ein Trupp in einem Feuergefecht, sein Kopf wurde angeblich öffentlich ausgestellt. Murrieta mag ein gewöhnli-cher Bandit gewesen sein, den Folklore zum mexikanischen Robin Hood verklärte. Doch gibt es keinen Zweifel, dass die Californios mehr als genug Gründe hatten, sich über Gewalt und Diskriminierung durch die neuen Herren ihrer Heimat zu beschweren. Eine in Los Angeles erscheinende mexikanische Zeitung, die den programmatischen Namen »El Clamor Público« (»Der öffenliche Aufschrei«) trug, nannte die kalifornische Regierungsform sarkastisch eine »Lynchokratie«.
Den Bürgern von San Francisco ist ersichtlich geworden, dass es keine Sicherheit für Leben und Eigentum gibt, weder unter den Regeln der Gesellschaft, wie sie derzeit existiert, noch unter dem Gesetz, wie es jetzt ausgeübt wird. Deshalb vereinigen sich die Bürger, deren Namen nach-folgend beigefügt sind, in einer Gesellschaft für die Aufrechterhaltung des Friedens und der guten Ordnung der Gesellschaft. Wir sind entschlossen, dass kein Dieb, Räuber, Brandstifter oder Mörder seiner Bestrafung entgehen soll, weder durch die Streitbarkeiten des Gesetzes, die Unsicherheit von Gefängnissen, die Gleich-gültigkeit oder Korruption der Polizei oder die Laschheit derer, die vorgeben, das Recht zu ver-walten.
Daily Alta California, 13. Juni 1851
The Californian, 15. März 1848
Im Lauf des Goldrauschs von 1848 bis in die frühen 1850er entstanden über 500 Lager und Siedlungen in kalifornischen Bergbaugebieten. Eine amtliche Bekanntmachung der California Division of Mines and Geology von 1970 zählt 337 Lager, die lange genug bestanden, um eine signi-fikante Menge an Gold zu fördern. Wenigstens 200 andere verschwanden so vollständig, dass ihre genauen Lagen heute umstritten sind. Die meisten wurden verlassen, nachdem die Goldvorkommen erschöpft waren; ihre Bewohner packten ihre Zelte, Spitzhacken und Schaufeln und zogen zu den nächsten Brennpunkten weiter. Viele der proviso-rischen Siedlungen wurden weggeschwemmt – ausgelöscht von Wasserwerfern im hydromechanischen Bergbau; eine Handvoll entwickelte sich zu Städten, einige existierten als dauerhafte, wenn auch verschlafene Dörfer weiter.
Auf dem Höhepunkt seines verlockenden, chao-tischen Lebens bestand das goldene Land aus Städten, Kleinstädten, Gräben, Schluchten, Hügeln, Camps, Ebenen,
Viele Namen der Lager spiegeln die Frustratio-nen und Misserfolge ihrer Bergarbeiter wider: Mud, Humbug und Graveyard Canyons; Bogus Thunder, Quack Hill, Helltown, Hell’s Delight, Condemned Bar, Murderer’s Bar, Poverty Bar (es gab vier dieses Namens), Cut Throat, Loafer Hill, Liar’s Flat, Poverty Flat, Chucklehead Diggings, Dead Man’s Gulch, Poor Man’s Creek, Squabbletown und Grow-lersburg. Weitaus weniger Namen waren optimistisch: Rich Bar, Rich Gulch, You Bet, Confidence, Diamond Springs, Fine Gold, Fair Play, Mount Bullion und Pleasant Valley.
Dale L. Walker
Geh auf gar keinen Fall zu den Minen … Sie sind bis zum Anschlag voll mit Vagabunden aus jeder Ecke des Globus, Schurken von nirgendwoher, Gauner aus Oregon, Taschen-diebe aus New York, vollendete Gentlemen aus Europa, Ein-dringlinge aus Lima und Chile, mexikanische Diebe, Spieler aus keinem besonderen Ort und Mörder aus der Hölle zum ausdrücklichen Zweck, die Straßen und Nebenwege in blu-tige Spektakel zu verwandeln; und last but not least der Richter Lynch mit seinen tausend Armen, tausend blinden Augen und fünfhundert lügenden Zungen, der bereit steht, unter der Fahne der Justiz jedes Individuum zu hängen, zweizu-teilen, vierzuteilen, das seine Missbilligung trifft.
Hugh Reid, kalifornischer Farmer schottischen Ursprungs, 1848 in einem Brief an einem Freund
GLOSSAR
geboren und kam 1852 nach Kalifornien. Ab 1855 tourte er 55
mit Banjo-begleiteten Volksliedern durch die Minencamps, später gastierte er gemeinsam mit der Schauspielerin und Entertainerin Lotta Crabtree in Theatern und Tanzhallen der Gegend. David Belasco, der bereits als Jugendlicher an Theatern in San Francisco und Virginia City, Nevada, arbei-tete, lernte Jacob Lynn persönlich kennen und setzte ihm in
»The Girl of the Golden West« ein literarisches Denkmal. Lynn starb 1917.
Gegen Mitternacht, nach der letzten Vorstellung, verließen
Maryna, Ryszard und Miss Collingridge durch den Bühnen- 59
eingang das Piper’s und gesellten sich zu rund zweitausend Menschen, die beim hellen Schein des Mondes und einiger Lagerfeuer zu einer Frau in kurzem Röckchen und Strumpf-hose hinaufsahen, die von der schmiedeeisernen Balustrade oberhalb des Theatergebäudes in die Luft trat; folgten mit der Menge der Union Street, während auch die Frau, hoch über ihren Köpfen, die stark abschüssige Straße hinabbalancierte; und applaudierten mit der Menge. Dann schlenderten sie auf der Suche nach weiterer Zerstreuung die C Street hinauf und gingen durch die doppelt verglasten Türen in den Polka Saloon.
In den Minen wurde durchgehend gearbeitet, daher waren auch die Saloons durchgehend geöffnet. Bergleute kamen von der Schicht, um ihren Verdienst beim Faro, Monte und Poker einzusetzen. Maryna forderte ihre Begleiter auf, sich zu amüsieren, während sie selbst sich setzte und das Spektakel beobachtete.
Maryna blieb mit ihrem Glas Champagner eine volle Viertelstunde ungestört, bis ein bärtiger Riese in einem rotkarierten Hemd sich von einem der Tische in der Nähe erhob und, in der einen Hand eine Flasche, in der anderen eine rote Geranie, auf sie zuschlurfte und dabei johlte: »O Dschuuli-ette, Dschuuli-ette, warum bist du Dschuuli-ette!« Sie sah sich schutzsuchend nach Ryszard um, doch schon stand eine Frau hinter dem Störenfried und verscheuchte ihn mit den Worten: »Nun geh weiter, Nate. Stör die Dame nicht. Sie hat auch hart gearbeitet und hat das Recht, friedlich
Ihre Retterin blieb an ihrem Tisch stehen. Dick, in ein straffes Korsett gezwängt, mit Bändern geschmückt, ein wenig angetrunken, fünfundvierzig oder fünfzig, wie Maryna schätzte. »Ich wollte Ihnen nur sagen, welche Ehre es ist, Sie in meinem Saloon zu haben.« Sie lächelte, und
»Die wir in Polen tanzen«, sagte Maryna fröhlich.
»Ehrlich?«, sagte die Frau. »Und ich hab gedacht, die ist hundert Prozent amerikanisch!«
[…]
Die Frau fing an zu weinen.
»Ist ja gut, Mrs. … Mrs. …, leider haben Sie mir nicht Ihren Namen gesagt«, sagte Maryna und reichte ihr ein Taschentuch.
»Minnie«, sagte die Frau. »Woher haben Sie gewusst, dass ich mal verheiratet war?«
»Das wusste ich natürlich nicht. Es war nur eine Vermutung.«
»Na, Sie haben ja recht. Ich bin verheiratet.« Sie betupfte sich die Augen. »Aber Sie wissen ja, wie das ist.« Unsicher kippelte sie auf ihrem Stuhl. »Man heiratet nicht den Mann, den man liebt.«
»Das tut mir leid zu hören«, sagte Maryna.
Die Frau gab einem der Kellner ein Zeichen, worauf der ihr einen Sazerac brachte. »Diese ausgefallenen Drinks aus San Francisco hab ich mir erst in meinen späteren Jahren angewöhnt. Als ich noch jung war, war mir ein Whiskey pur genug. Möchten Sie noch was? Mein Barmann macht einen richtig guten Brandy Smash.«
»Nein, danke. Meine Freunde sind gleich wieder da, und dann muss ich gehen.«
»Ich hoffe, Sie finden mich nicht zu aufdringlich. Aber Sie sehen mir wie eine Frau aus, der ich mich anvertrauen kann. Sie sind Schauspielerin, Sie verstehen alles …«
»Wohl kaum.«
»Ich möchte Ihnen erzählen, warum ich das gesagt habe, über die Ehe und so weiter, am Anfang ist es eine gute Geschichte, aber ich glaube nicht, dass Sie daraus ein Stück
machen könnten, nicht mit dem Ende, das sie genommen hat.« 6 1
»Ich bin nicht auf der Suche nach einer anderen Rolle«, sagte Maryna freundlich. »Aber ich höre mir gern Ihre Geschichte an. Ich mag Geschichten.«
Und so begann Minnie.
»Es ist jetzt fünfundzwanzig Jahre her, nein, länger … da hab ich in Kalifornien gelebt, in Cloudy Mountain. Ich weiß nicht, ob Sie davon schon gehört haben. Da gab’s einen, der war hinter mir her, er war der Sheriff, aber auch ein großer Spieler, trotzdem auf seine Weise kein schlechter Kerl, das war mir klar, und als er sagte, er liebt mich, wusste ich, dass er’s auch so meinte, dass er nicht nur versuchte, mir untern Rock zu fassen. Immerzu sagte er, heirate mich, Mädchen, heirate mich, so hat er mich immer genannt, Mädchen, und als ich ihn erinnerte, dass er in New Orleans eine Frau hatte, sagte er, das macht nichts, denn ich wär die Frau, die er wollte. Und vielleicht glauben Sie mir das nicht, wenn Sie mich jetzt so sehen, aber ich hab nicht schlecht ausgesehen, und ich hatte ein reines Herz, ich war ja noch ein junges Ding, obwohl ich da schon einen Saloon hatte, wo die ganzen Bergarbeiter hinkamen, das Polka, ich nenne alle meine Saloons Polka, und die meisten behandelten mich richtig mit Respekt, als wär ich ihre kleine Schwester, auch wenn manche das nicht taten und ich nicht viel daran ändern konnte, also, sie waren gute Gäste. Aber das hat mir an meiner Arbeit nicht gefallen, es machte mich traurig, aber das hab ich mir nicht anmerken lassen, hab immer bloß gesungen und gelacht, und ich hab überlegt, ob es einen Ausweg aus diesem Leben gibt, aber es
Und dann hab ich einen anderen kennengelernt, der hat’s mir wirklich angetan, der war so romantisch, hat mir gesagt, ich hätt ein Gesicht wie ein Engel, ich mit meinem Saloon. Das Engelsgesicht aber hatte er, ich hab noch keinen
Sheriff, Jack, wenn’s um mich ging, war der nie um einen Trick verlegen. Hat gesehen, dass ich mich für diesen Burschen aus Sacramento interessierte, der ja Ramerrez war, was er nicht wusste. Interessierte! Ich war verrückt nach ihm! Und welche Frau, welche echte Frau, liebt nicht einen Banditen mehr als einen Sheriff, das wissen Sie doch, Sie sind eine Frau, und Sie sind eine Schauspielerin, also können Sie auch alle Frauen
spielen, die Engel und die Sünderinnen … 63
Und jetzt raten Sie mal, wen ich dann genommen hab. Den da drüben beim Tresor mit dem Schießeisen im Gürtel, uns beiden gehört der Laden. Den Sheriff. Aber damit hat er dann Schluss gemacht, als er gesehen hat, dass mit Saloons mehr Geld zu machen ist, und zehn Jahre später, als sie die Comstock Lode [Erzlagerstätte in Virginia City, Nevada] fanden, sind wir hierhergekommen, weil man nicht besonders schlau sein musste, um zu wissen, dass man an durstigen Bergleuten, die von der Schicht kommen, viel Geld verdienen kann. Aber warum ich mich für ihn entschieden hab, das frag ich mich, wo ich doch Dick so sehr geliebt hab und meinen ganzen Mut zusammengenommen hab und mit ihm davon bin, den Kopf voller Träume. Wir mussten Kalifornien verlassen, was ich so geliebt hab, weil er überall wegen Mordes gesucht war, die hätten ihn aufgeknüpft, wenn sie ihn erwischt hätten, schließlich sind wir dann nach Nevada gekommen, was damals noch kein Staat war, nicht mal ein Territorium, als noch keiner wusste, was da unter diesem Berg lag, war das alles bloß ein Bezirk von Utah, und eine Zeitlang sind wir rumgezogen, ohne Geld, und der Hunger wurde immer größer. Und dann ist Dick wieder Ramerrez geworden, und ich hab es mit der Angst gekriegt bei dem Gedanken, was für ein Leben vor mir liegt, immer verstecken und weglaufen und Angst haben, und da hab ich ihn verlassen und bin wieder zurück nach Kalifornien gekrochen, und Jack, der hat mir verziehen, und ich hab gesehen, dass er mich richtig liebt, weil er gewusst hat, dass ich ihn nicht richtig liebe, nicht so
»Maryna?«, sagte Ryszard.
Nachdem Maryna ihm mit einem Blick bedeutet hatte, dass es keine »Szene« gab, vor der er sie retten musste, stellte sie die beiden einander vor.
»Ist das Ihr Mann?«, fragte Minnie. »Ich hab Sie mit ihm aus dem Hotel kommen sehen.«
»Mein Bandit.«
»A-ha!«, sagte Minnie.
“You better stop that laughin’, Jack Rance, or I’ll send you to finish it in some place where things ain’t so funny.”
Something in the Girl’s altered tone so struck the Sheriff that he obeyed her. He said nothing, but on his lips were the words, “By Heaven, the Girl means it!” and his eyes showed a smouldering admiration.
“He doesn’t hear you,—he’s out of it. But me—me—I hear you—I ain’t out of it,” the Girl went on in compelling tones. “You’re a gambler; he was, too; well, so am I.” She crossed deliberately to the bureau, and laid her pistol away in the drawer, Rance meanwhile eyeing her with puzzled interest. Returning, she went on, incisively as a whip lash:
“I live on chance money, drink money, card money, saloon money. We’re gamblers,—we’re all gamblers!” She paused, an odd expression coming over her face,—an expression that baffled Rance’s power to read. Presently she resumed: “Now, you asked me to-night if my answer was final,—well, here’s your chance. I’ll play you the game,—straight poker. It’s two out o’ three for me. Hatin’ the sight o’ you, it’s the nearest chance you’ll ever get for me.”
“Do you mean—” began Rance, his hands resting on the table, his hawk-like glance burning into her very thoughts.
“Yes, with a wife in Noo Orleans all right,” she interrupted him feverishly. “If you’re lucky,—you’ll git ’im an’ me. But if you lose,—this man set-tin’ between us is mine—mine to do with as I please, an’ you shut up an’ lose like a gentleman.”
“You must be crazy about him!” The words seemed wrung from the Sheriff against his will.
“That’s my business!” came like a knife-cut from the Girl. “Do you know you’re talkin’ to the Sheriff?”
“I’m talkin’ to Jack Rance, the gambler,” she amended evenly.
A remote goldmining camp in California during the Gold Rush:
Minnie interrupts the drunkenness for a moment and gives the men a bible hour. A messenger arrives and brings Ashby the news that a prostitute named Nina Micheltorena wanted to reveal Ramerrez’s whereabouts. Now left alone with Minnie, Rance announces his intention to marry her. Minnie declines, mentioning the fact that Rance has a wife still alive and well in New Orleans: in addition, she was waiting for a true love like the one she saw between her parents at home.
The waiter Nick announces the arrival of a stranger who introduces himself to the dismissive sheriff as Johnson from Sacramento. Minnie and the new guest recognize one another immediately: they had seen one another a while ago on the way to Monterey and exchanged a few words there. Johnson ultimately asks Minnie to dance.
In the meantime, Ashby has arrested José Castro, a bandit loitering outside the saloon, and takes him to questioning with Rance. Castro says he knows where Ramerrez is hiding and wants to lead the men there. In an unobserved moment, Castro whispers to Johnson that everything is ready for an attack and that the gang is only waiting for Johnson’s start signal. Ashby, Rance, and the men set off with Castro.
Minnie is left alone with Johnson and shows him 8 5
the gold gained from the men’s hard labor, which she keeps for them in safety. Johnson is impressed by her intrepidity. He promises to visit her later that evening at her cabin on the mountain. Minnie is left behind, deeply moved.
Minnie hectically prepares for Johnson’s visit. He finally appears and carefully listens to her descriptions of her simple life on the mountain and in the camp. After Minnie sends off her servant Wowkle, she and Johnson are quickly lying passionately in one another’s arms. Shots from a distance frighten Johnson, but in light of a snowstorm that makes a descent impossible, Minnie convinces him to spend the night with her. Rance, Ashby, Nick and Sonora arrive, forcing
Johnson to hide. They warn Minnie, for Nina Micheltorena has revealed Johnson’s true identity: he is Ramerrez. Minnie convinces the men that she can take care of herself. After they have left, Johnson tries to explain by saying he was reluctantly forced to take over leadership of the bandit gang from his father. Minnie makes her disgust clear to him and throws him out. A shot falls, Johnson collapses wounded in front of the door. Minnie hides him in the attic. Rance returns and searches the cabin for Johnson in a jealous rage. A drop of blood from the attic betrays the presence of the bandit. To save him, Minnie proposes a round of poker, with Johnson
At the very last moment, Minnie blocks the execution. She appeals to the men’s empathy and reminds them of everything she has done for them. Gradually, she convinces the goldminers and they release Johnson. Minnie and Johnson leave California. The goldminers remain behind, broken men.
THE MINER’S
TEN COMMANDMENTS
Thou shalt have no other claim than one.
Thou shalt not make unto thyself any false claim, nor any likeness to a mean man, by jumping one.
Thou shalt not go prospecting before thy claim gives out. Neither shalt thou take thy money, nor thy gold dust, nor thy good name, to the gaming table in vain; for monte, twenty-one, roulette, faro, lansquenet, and poker will prove to thee that the more thou puttest down the less thou shalt take up; and when thou thinkest of thy wife and children, thou shalt not hold thyself guiltless—but insane.
Thou shalt not remember what thy friends do at home on the Sabbath day, lest the remembrance may not compare favorably with what thou doest here.
Thou shalt not think more of all thy gold, and how thou canst make it fastest, than how thou wilt enjoy it, after thou hast ridden rough-shod over thy good old parents’ precepts and examples …
Thou shalt not grow discouraged, nor think of going home before thou hast made thy “pile.”
James E. Hutchings
CLICHÉS AND EXPECTATIONS ABOUT THE
“Renew oneself or die? … As long as I find the right material, I have sworn to try better and better along the path that I have chosen and not to remain behind.”
In the face of the immense popularity of his three operas “La Bohème,” “Tosca,” and—despite initial difficulties— “Madama Butterfly” or the late “Turandot,” it might be surprising that other operas from Puccini’s mature phase were much less successful: for example “Il trittico” of three heterogeneous brief operas, “La rondine,” Puccini’s excursion to the realm of operetta, and the wild-west opera “La fanciulla del West,” or “The Girl of the Golden West.” In the run up to the premiere, Puccini considered the latter the best opera that he had composed to date and foresaw a success similar to that enjoyed by “La Bohème.” Why was he so utterly mistaken?
The premiere of “La fanciulla del West” was Puccini’s first outside of Italy: the opera was performed for the very first time at New York’s Metropolitan Opera on December 10, 1910. This was actually the first-ever world premiere of an opera to be held in the history of that opera house, founded
in 1880, and, on top of that, it was a work by probably the 8 9
most well-known opera composer. With this premiere, the New York opera house hoped to demonstrate to other European opera institutions unmistakably that the Met had now finally arrived in the first league of the opera world.
Arturo Toscanini, who had already conducted the premiere performance of “La Bohème” in Turin in 1896 and was now conducting his second Puccini premiere, had served as the Met’s musical director since 1908 while Giulio Gatti-Casazza served as artistic director, both having transferred from the Scala across the Atlantic and now determined the fate of the opera house. They were responsible with satisfying both the Italian and the German frac-tions—among others—in the New York audience. Parallel to Toscanini, Gustav Mahler also came to the opera house, even if that commitment was not long lasting; the counterpart to the Puccini premiere was a premiere of the revised version of Humperdinck’s “Königskinder” that same season. Toscanini and Gatti-Casazza ultimately triumphed in both fields of the repertoire.
The premiere of “La fanciulla” was just as much a success: the musical highlight of the year was accompanied by a huge hype in the press—Puccini was already besieged by journalists upon his arrival at New York Harbor. The top-notch cast certainly contributed to the splendor of the premiere, with Emmy Destinn as Minnie, Enrico Caruso as Johnson, and Pasquale Amato as Rance—not to mention the
several horses that made the final bandit chase a thrilling visual spectacle on stage.
Over the long term, nevertheless, the critics, despite their initially being swept up in the hype, were rather divided in their reception of the new work. The critic in the “New York Times,” otherwise favorable of Puccini, wrote as follows: “There seem to be few who heard ‘La fanciulla del
The accusation that Puccini had not successfully rendered the piece American enough to generate a Wild West feeling is quite odd considering that the opera was actually based on the popular play “The Girl of the Golden West” by the American dramatist David Belasco, who was also responsible for the staging at the “La fanciulla” premiere (and who also wrote the play on which “Madama Butterfly” was based). In 1905, the play premiered at Belasco’s own the-aters in Pittsburgh and New York with Blanche Bates in the title role and turned out to be a box-office hit, the result not only of a realistic study of the language of the Wild West, but especially Belasco’s obsessive attention to detail, a characteristic of all his productions. He created opulent, almost
cinematic scenes that used spectacular special effects. The snow storm in the second act, for example, was illustrated by thirty-two stage hands making a ruckus backstage.
At least as far as the subject was concerned, Puccini had turned to an author who guaranteed authenticity not merely as an American, but even as someone born in California during the Gold Rush. But not only that: as in
“Madama Butterfly,” Puccini did actually use original sound 91
material to provide local color. The basis for Jake Wallace’s nostalgic song was a song, or rather a sun dance, taken from the indigenous Zuñi (not from California, but New Mexico). In addition, Northern and Latin American dances pervade the score, which features ragtime and cakewalk rhythms rich in syncopation (perhaps inspired by Debussy’s piano piece “Golliwogg’s Cakewalk”) and the bolero.
So the debate over “La fanciulla,” which complained not least about the collision of an American setting and Italian singing, was not entirely free of nationalism. While Puccini, who opposed the trends toward rising fascism in his home country of Italy, was repeatedly accused over the course of his career of being an internationalist purveyor of quasi-cosmopolitan watered-down music, here the opposite was the case: he was not American enough when it came to the music. Indeed, as the “New York Times” correctly points out: unlike “Madama Butterfly,” “La fanciulla” premiered in the country where the plot is set, albeit on the East Coast, where, sixty years after the outbreak of the Gold Rush on the other side of the continent, the history would be just as easily romanticized by a native as by a composer from distant Europe. On top of all of this, in the wake of Dvořák’s stay in America Puccini found himself embroiled in a growing controversy about the independence of the American arts. The implicit expectation to compose both an Italian and an American national opera was something he was unable to do justice to.
But what the critics really missed in the opera was what Puccini was best-known for: heartbreaking arias with beautiful melodies. Except for “Ch’ella mi creda,” Dick Johnson’s aria almost reminiscent of old opera, there are no other arias in “La fanciulla,” the opera is dominated by a declama-
Puccini had seen Belasco’s play himself when he spent January and February 1907 in New York to monitor rehearsals for his “Manon Lescaut” and “Madama But-terfly.” After completing “Madama Butterfly” in 1904, he spent an unusually long time in search of a new subject. He considered several, some actually for quite some time (an opera about Marie Antoinette and one based on Pierre Louÿs’ novel “La Femme et le Pantin,” which was later set to music as “Conchita” by Riccardo Zandonai). One thing that contributed to Puccini’s indecisiveness was that his favored team of librettists, which had required all their nerves while writing the libretti for the successful three operas in light of the constant suggestions that came from the composer, was no longer available. Giuseppe Giacosa, who was primarily responsible for the dramaturgical structure of the libretti, died in 1906. A continued collaboration with Luigi Illica, who had taken care of the language details, was impossible because of a fall out between the composer and the librettist. His publisher Giulio Ricordi instead suggested for the “La fanciulla” project the librettist Carlo Zangarini, who due to his American mother seemed to have just the right linguis-
tic prerequisites. But Puccini seemed very unsatisfied with his work, which is why the poet and journalist Guelfo Civinini came onto the project. Puccini also described Civinini as a “disastro.” Ultimately, Zangarini returned and was able to provide a version that satisfied the composer.
Puccini and his librettists took the first two acts of the Belasco play without major changes (only the school
scene/Bible study was moved to the first act). But Puccini 93
did not like the last two acts: Johnson’s arrest and pardon, which in Belasco’s version take place in the Polka Saloon, and the brief final act, which shows Minnie and Johnson on the prairie travelling towards a new beginning. Instead, he was looking for a spectacular setting for the final act: the idea of hunting Johnson down in the wilderness was his idea.
Nature, which is present throughout the play in the stage directions—even in the interior scenes it was always to be visible through a window—almost plays the main role in the play: the magnificent Sierra Nevada, which was already protected by National Park status and anchored in the American collective memory. But here it does not represent a pure idyll, but stands for the discrepancy between the society living there, dominated by a greed for gold, the violence, criminality, and lynch mob justice, and the beauty of nature. While “La fanciulla” is the only Puccini opera (except for “La rondine”) that does without deaths, the conclusion can hardly be called a happy end. For with their departure from California, Minnie and Johnson, who had both been born there, ultimately share the fate of the other gold miners from all parts of the country and the world: the feeling of being unrooted, life in hostile unfamiliar terrain far from the homeland under miserable conditions, disappointed expectations of wealth and a better life. It was no accident that the end of the opera bridges back to its start: it closes with the theme of Jake Wallace’s song, which at the start captures the wistfulness and homesickness of the miners
This is embodied most clearly by Johnson/Ramerrez: already simply due to his pseudonym and his real name, he is schizophrenically torn between an existence as a gentleman and a bandit, between culture/education and violence, between water and whiskey, between belonging to the Americans (through his mother) and to the Spanish-Mexican Californios (through his father). In the opera, his prior family history, which was explored extensively in the novelized version of his play (and more understandably), is dealt short shrift in the opera: having learned of the gang of bandits at his father’s deathbed, he “inherits” its leadership to avenge the fate of his family. He is someone driven by circumstances from which he cannot escape on his own.
Minnie behaves in a similarly contradictory way, although a “fanciulla” or “girl,” the role is among Puccini’s most dramatic soprano solo parts together with Tosca and Turandot. She oscillates between a shy virgin, a resolute gun-swinging bar owner, and a Mary-like saint who recognizes Johnson’s need for redemption, an aspect that comes much more to the forefront in the opera than in the play. Sheriff Rance, too, seemingly pale in comparison to other Puccini baritone figures like Scarpia, is far more than merely the bad guy. His faithfulness to his promise to Minnie to respect the result of the poker game over Johnson means that he does not release his rival to Ashby and the goldmin-
ers for a whole week. At first glance, these contradictions might be considered weaknesses in the way the characters are presented. But the avoidance of a clear definition of good and evil, that blurs in the lawlessness of the Californian wilderness, makes them into complex figures.
But more than in the dramaturgy of the plot structure or the rather conventional three-way constellation of
the main figures, Puccini—as seen in the quotation I began 95
with—developed his style further in musical terms. In terms of harmony, “La fanciulla” anticipates the harshness of the later “Turandot.” Over extended sequences, a clear sense of tonality dissolves entirely, as in the aftermath of the massive whole-tone chords at the beginning of the opera or in Min-nie’s theme with its unresolved suspended ninths and sev-enths. Puccini also uses inventive combinations of timbre, coupling individual woodwinds with solo strings or “special instruments” like the celesta: this is favored by the opera’s being scored for the largest orchestra of Puccini’s operas. In general, the orchestra acts largely divorced from the vocal lines, and is much more independent than in his previous operas: the melodies and notable depictions of nature, rich in timber, are primarily reserved for the orchestra.
And yet, despite all these achievements “La fanciulla del West” was unable to join Puccini’s earlier successes even after the subsequent premieres in Europe. But the piece met with approval from an unexpected source: Anton Webern, otherwise not exactly a lover of Italian opera in general and Puccini in particular, wrote to Arnold Schönberg after attending a performance of “La fanciulla” in Vienna in 1918: “A score with a thoroughly original sound. Splendid. Every measure a surprise. Very special sounds. No trace of kitsch! And I have the impression first hand. I have to say, I like it a lot. And what does that mean? Am I entirely mistaken? I would so much like to study the score together with you. Or has the opera bewitched me entirely?”
The Girl had ever been a lover of nature. All her life the mystery and silences of the high mountains had appealed to her soul; but never until now had she realised the marvellous beauty and glory of the great plains. And yet, though her eyes shone with the wonder of it all, there was an unmistakably sad and reminiscent note in the voice that presently murmured: “Another day.”
After a while, and as if under the spell of some unseen power, she slowly turned and faced the west where she gazed long and earnestly at the panorama of the snow-capped peaks, rising range after range, all tipped with dazzling light.
“Oh, Dick, look back!” she cried in distress. “The foothills are growin’ fainter.” She paused, but suddenly with a far-off look in her eyes she went on: “Every dawn—every dawn they’ll be farther away. Some night when I’m goin’ to sleep I’ll turn an’ they won’t be there—red an’ shinin’.” Again she paused as if almost overwhelmed with emotion, saying at length with a deep sigh: “Oh, that was indeed the promised land!”
Johnson was greatly moved. It was some time before he found his voice. At length he chided her softly: “We must always look ahead, Girl— not backwards. The promised land is always ahead.”